reflections

Signora?

Obwohl ich schon ewig in Deutschland bin, ist mir schleierhaft, wie man in diesem Land leben kann, ohne eine Person anreden zu können, die man nicht kennt. Ich meine: In England ist es möglich (Madam oder Sir), in Frankreich sagt man Madame oder Monsieur, in Italien signora oder signore (mir scharfem S wie in "dass"!) und man ist fein raus aus der Sache. Dabei war man auch noch höflich. Diese Möglichkeit der Sprache weiss man in  den betroffenen Ländern häufig zu schätzen. Zum Beispiel: Wenn man aus dem überfüllten Bus aussteigen möchte und eine stabil gebaute Dame den Weg versperrt, während sie sich angeregt mit ihrer Freundin unterhält, braucht man nur mit mittelhoher Stimme "Signora" zu sagen und die Wahrscheinlichkeit, dass die Dame sich angesprochen fühlt und aus dem Weg geht, ist relativ hoch.

Nehmen wir im Gegenzug eine Situation, die ich gestern an einem vollen Platz in München city beobachten konnte. Eine ältere Dame mit Gehhilfe versuchte eine andere Dame, ebenfalls mit Gehhilfe und circa 15 Meter weiter entfernt, auf sich aufmerksam zu machen. Was ihr Anliegen war, konnte ich nicht ersehen aber es muss ziemlich wichtig gewesen sein, von ihrem Abmühen her zu beurteilen. Jedenfalls versuchte es die Dame auf die bekannten Art und Weisen: "Hüstel hüstel" (à la "ich habe einen kleinen Frosch im Hals" "entschuldigung!". Keine Reaktion. Konnte ich verstehen, schliesslich klang es so, als hätte die Dame eine Erkältung und wollte sich bei jemandem entschuldigen, den sie aus Versehen mit Bakterien versorgt hatte. "Hüstel, hüstel", etwas lauter diesmal, so als würde sich der Frosch nun hartnäckig mit beiden Händen an ihren Stimmbändern festhalten, "entschuldigung!". Wieder null Reaktion. Die arme Dame änderte nun ihre Taktik und versuchte es mit der zweiten und letzten ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeit:" HALLO!" rief sie in die Menge hinein. Aber auch hier erntete Dame Nummer 2 mein vollstes Verständnis dafür, dass sie sich nicht angesprochen fühlte und weiter ging. "Hallo" ist an  sich kein "Ruf-Adverb" sondern schlicht und einfach eine Begrüssung und kann somit an alle gerichtet werden: Männer, Frauen, Kinder, Babys, Hunde, entlaufene Papageien, Eichhörnchen (gibt es in München, ehrlich!) und ist last but not least die Begrüssungsformel, wenn man sich am Handy meldet und mittelmässig cool ist (im Klartext: ein 15-jähriger mit Hängejeans und Trainingsjacke meldet sich eher selten mit "Müller?". Bei den Teenies gelten allerdings häufig ganz andere Regeln, die regional unterschiedlich sind- in München wird z.B. immer wieder gerne zum "Ser`s" zurückgegriffen, Abkürzung von "Servus". Aber selbst, wenn es nicht mit einer Begrüssung verwechselt wird: Wer wird schon gerne mit einem "HALLO!" angeredet? Ganz übel ist dabei die Variante mit dem langgezogenen A "HAAAALLO", die für Leute reserviert scheint, die extrem schwer vom Begriff sind.

Wie dem auch sei, da ja die fragliche Dame nicht lossprinten konnte, um die zweite einzuholen (Gehhilfe-bedingt), fühlte ich mich verpflichtet, es zu übernehmen, sozusagen als Angehörige einer in dieser Hinsicht priviligierten Kultur. Wären die zwei Damen nämlich in meinem Land gewesen, hätte ein "Signora!" gereicht, um Männer, Kinder, unter 25-Jährigen, alle Tierarten und ein Handy-Gespräch auszuschliessen. Ausserdem hätte sich jede Dame gefreut, derart angeredet zu werden, da dreht sich frau gerne um.

Diese Lücke in der deutschen Sprache  finde ich sehr bedauernswert und ich glaube auch nicht, dass sich die deutschen Mitmenschen sonderlich wohl damit fühlen. Neue Anreden müssen also her und, damit man das Rad nicht neu erfinden muss, wie wäre es mit einer kulturellen Anleihe aus dem Süden signori?

 

 

1 Kommentar 8.10.09 19:09, kommentieren

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Ruhe

Habt ihr euch nie gefragt, wieso es Leute gibt, die scheinen, in sich zu ruhen und andere, die es nicht tun?

Wie bekommt man eine Portion, "in sich selbst ruhen" bitte? Habe ich vielleicht vergessen, mich anzustellen? Oder habe ich mich mal wieder an die FALSCHE Schlange gestellt?

Für meine Tochter habe ich die Bestellung leider auch vergessen, wahrscheinlich habe ich sowieso das wichtigste bei ihr versäumt...Aber wann gibt man die Bestellungen für Kinder ab? Bei der Zeugung? Zu wenig Blut im Gehirn. In der Schwangerschaft? Da war ich zu beschäftigt, mich zu übergeben. Bei der Geburt? Ein klarer Gedanke ist da ziemlich unwahrscheinlich.

Dann müsste ich bei diesem Versäumnis richtige Sorgen haben, was aus meinem Kind wird. Tatsache ist aber, dass Kinder etwas in sich tragen, das unabhängig von ihren Eltern und deren Wünsche ist. Etwas, das von einer anderen Welt ist.

Wenn man Kinder genau beobachtet, kann man zweierlei fühlen: Vertrauen und grenzenlosen Respekt .

1 Kommentar 7.10.09 23:19, kommentieren

Eine gute Nacht

Diesen Blog widme ich allen Eltern, die auch nicht wissen, wie die heutige Nacht verlaufen wird,

die auch morgen früh unausgeschlafen aufstehen werden,

die sich auch irgendwie durch den Tag schleppen werden,

mit einem schreienden Säugling,

mit einem ständig weglaufenden Einjährigen,

mit einem trotzigen Zweijährigen,

mit unverbesserlichem Optimismus, der es möglich macht, all das zu überleben und überhaupt alles erst möglich gemacht hat.

Ich wünsche Euch eine gute Nacht, gebt Eurem Kind einen Kuss von mir.

Bis bald.

1 Kommentar 5.10.09 23:25, kommentieren



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